Daniel Boon: „In Indien werden bei fehlenden Genehmigungen gerne gleich die DJs verhaftet, um ein Exempel zu statuieren“


„Das beste Heilmittel gegen Sorgen ist die Unterhaltung.“ Mit diesem indischen Zitat im Hinterkopf sprach Lasse Halfstrom mit Daniel Boon über eines der bevölkerungsreichsten Länder der Welt, die Musikszene und wieso gerne mal DJs von der Polizei verhaftet werden.

Daniel Boon_Press Photos_by Alexander Platz (7)_s

trndmsk: Du warst vor einiger Zeit auf Tour in Indien. Welche besonderen Eindrücke hast Du zurück mit nach Berlin genommen?

Daniel Boon: Es war ja für mich schon die dritte Tour durch Indien, und somit bestand schon eine gewisse Vertrautheit in die Gegebenheiten und Abläufe vor Ort. Wichtig war mir diesmal, Indien fernab der ausgetretenen Touristenpfade zu entdecken, was mir dank einiger neuen Kontakte vor Ort rückblickend gut gelungen ist. Auch blieb mir mehr Zeit, um meine Freundschaft mit meinem lieben Freund Rummy Shama zu pflegen und mit ihm zusammen ein paar neue Tracks zu produzieren. Zudem bin ich ganz glücklich darüber, einen großartigen Produzenten für meine kommenden Musikvideos kennengelernt und engagiert zu haben.

In Indien ist die Sperrstunde recht früh, so dass die Partys früher losgehen. Ist die Stimmung deshalb eine andere?

Ja, das stimmt. Soweit ich weiss, dürfen die Clubs bis maximal 3:00 Uhr bespielt werden und öffnen daher oft schon um 22:00 Uhr am Abend. Die Elektroszene ist noch übersichtlich, aber bereits jetzt findet man auch hier die großen Stars der Weltbühne nicht nur am Strand, sondern im öfter hinter den Turntables. Die wenigen aber trotzdem schon bekannten Clubs sind dann am überkochen. Die Luft knistert vor Aufbruchsstimmung, denn im nächsten Jahrzehnt strömen Millionen unter 30-jährige Inder aus einer wachsenden finanzstarken Mittelklasse auf den Musikmarkt. Hier bietet sich ein riesiges Potenzial, die Szene weiter aufzubauen.

by Alba van Staden (2)

Die Partys stehen oftmals unter der Willkür der Polizei. Hattest Du ebenfalls ein Erlebnis mit einer Razzia oder ähnlichem?

Oh ja, bei einem meiner Auftritte in einer großen Bar in Delhi musste ich bereits nach nur 30 Minuten hinter dem DJ Pult fliehen, da dem Ladenbesitzer offensichtlich irgendeine schriftliche Genehmigung der Behörde fehlte und die Polizei in solchen Fällen gerne gleich die DJs verhaftet, um ein Exempel zu statuieren. Ich weiß, dass es meinem Kollegen Christian Smith auch schon ähnlich erging.

Wie setzt sich das Publikum in Indien zusammen. Gibt es eine richtige Technoszene?

Die gibt es aktuell vereinzelt. Dancemusik ist hier eher EDM, aber natürlich gibt es auch Hardliner der Elektromusik. Das begründet sich auch noch aus der Geschichte der Entwicklung um Goa.

by Alba van Staden (1)

Du arbeitest gemeinsam mit einem indischen Artist an einer Single. Was hast Du genau geplant?

Geplant ist zu dieser Session eigentlich nichts Konkretes. Es hat sich spontan ergeben, dass wir gemeinsam im Studio drei Tracks zusammengebaut haben – an dem vierten basteln wir gerade via Fernbeziehung. Wie das dann erscheinen wird, ist noch unklar, die Resonanz auf Facebook war jedoch schon mal vielversprechend.

In Indien und vor allem in den Großstädten ist Müll oftmals ein sichtbares Problem. Wie hast Du das erlebt?

Ja, das kann man leider nicht anders sagen: Indien hat eine ernstzunehmende Müllproblematik. Als Europäer erscheint es einem schon sehr schmutzig. Das empfinden aber die Einheimischen auch so, trotzdem wird es einem schwer gemacht, sich umweltfreundlich zu verhalten, denn es mangelt allein schon an öffentlichen Mülleimern, die man benutzen könnte.

by Alba van Staden (3)

Was hat Dich letzten Endes während deines Aufenthaltes in Indien eher überrascht?

Auch in Indien herrschen offenbar noch andere als die staatlichen Gesetze: nämlich die des Geldes. Wir waren mit einem einflussreichen Unternehmer an einem Abend zusammen im Nachtleben unterwegs. Ehrfürchtig wurde uns Platz gemacht, es gab alles umsonst und am Ende bot er mir seine Hilfe an, wenn ich einmal in Problemen stecken sollte. Erst da wurde klar, dass es sich hierbei um Kontakte zur indischen Mafia handelte.

Du hast im letzten Jahr einige Auslandsgigs verbucht, darunter auch in Metropolen wie New York. Was macht den Unterschied in einem Club in den USA oder Asien zu spielen – im Gegensatz zu einem in Berlin?

Auf den ersten Blick sind die Clubs doch oft ähnlich strukturiert und folgen gleichen Konzepten. Das Publikum ist aber der springende Punkt für einen grandiosen Abend. Und hier ist es eben die Mentalität der Einzelnen mit ihrer jeweiligen Sozialisation und ihrem wirtschaftlichen Status, die den feinen Unterschied ausmachen. Clubs, die von einem festen Kernpublikum gefeiert werden, sprühen oft mehr Power und Hingabe aus und machen somit ganze Nächte unvergessen als jene, die gerade als hipp angesagt sind.

Das Interview führte Lasse Halfstrom.